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Das 25. Internationale Gitarrensymposion Iserlohn – eine Nachlese und Hommage

Gangolf Hontheim, Lebach

Nunmehr zum 12. Mal in Folge konnte ich an dem Internationalen Gitarren-Symposion Iserlohn teilnehmen. Das ganz überwiegend von Thomas Kirchhoff organisierte Festival fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt. Daher schon vorab: Herzlichen Glückwunsch und große Anerkennung im Namen aller bisherigen Teilnehmer aus Anlass dieses Silberjubiläums!

Zu den äußeren Gegebenheiten des Festivals: Eine traumhafte Beherbergungsstätte: Das altehrwürdige Haus Villigst, vor den Toren von Schwerte in einer Parklandschaft unmittelbar am idyllischem Oberlauf der Ruhr gelegen, verbindet alte, klassizistische Architektur mit modernen Komponenten und den Ausstattungen eines Kongress- und Schulungszentrums. Die ländliche Umgebung der Flussaue lädt zu traumhaften Rad- und Fußwanderungen ein. Eine hervorragende Küche mit Vollverpflegung zu allen Mahlzeiten und ein qualifiziertes, freundliches wie stets hilfsbereites Personal runden das Bild ab.

Immer wieder in angenehmer und auch fachlicher bereichernder Erinnerung bleibt der permanente, völlig ungezwungene Kontakt zu den ganz Großen der Szene. Dies zeigt sich insbesondere bei den Einzelunterrichten, die auch jedem sonstigen Teilnehmer zur Beobachtung offen stehen.

Ebenfalls Teil des Festivals sind die Ausstellungen der Gitarrenbauer mit ihren Instrumenten, allem denkbaren Zubehör und den neusten Entwicklungen (insbesondere bei den Gitarrenstützen gibt es haftstabile und vor allem ergonomisch sinnvolle Fortschritte). Hinzu kommt eine immense Auswahl ausgestellter Noten, die während der gesamten Woche im Wechsel von den Häusern Trekel und Gitarrissimo präsentiert wurde.

Den eigentlichen, nämlich musikalischen Höhepunkt dieser Festivalreihe aber bilden nach wie vor die Abendkonzerte. Wie in den Vorjahren fand das Eröffnungskonzert im Parktheater Iserlohn statt, die weiteren Abende jedoch nicht mehr in der den langjährigen Teilnehmern zu einer Heimat gewordenen Obersten Stadtkirche Iserlohn, sondern in der Erlöserkirche am Stadtrand von Iserlohn. Diese Stätte wird wohl für die kommenden Jahre Austragungsort der Abendkonzerte bleiben, daher hier einige Anmerkungen zu dem Gebäude als solchem: Schon der äußere Stil der Kirche mutet toskanisch an: ein Bau in offener Ziegelkonstruktion; ein Turm, der an die Geschlechtertürme der mittelalterlichen Patrizierfamilien toskanischer Städte erinnert; ein Schiff, das hinsichtlich seiner Kubatur, seiner Apsisgestaltung und der offenen Balkenkonstruktion an der Decke unvermittelt die Trierer Constantin-Basilika assoziiert. Der entscheidende Vorteil des Gebäudes gegenüber der Obersten Stadtkirche liegt darin, dass es einen offenen, kompakten Raum ohne Vierung und ohne abgeteilte Querschiffe bietet. Baubedingte Beeinträchtigungen der Akustik und der Visibilität lassen sich also nicht mehr ausmachen. Schon in wenigen Tagen konnte man sich an den „Umzug“ gewöhnen und am Ende der Woche diese Entscheidung Thomas Kirchhoffs sogar begrüßen. Zu verbessern wären allerdings die luftklimatischen Bedingungen des Innenraums.

Zu den Abendkonzerten selbst: Nicht alle Beiträge können an dieser Stelle besprochen werden, ich muss mich auf Wesentliches und Auszüge beschränken:

David Russell eröffnete mit Eigenbearbeitungen zweier kompletter Suiten von Johann Kuhnau, dem unmittelbaren Vorgänger Bachs im Thomaskantorat Leipzig. Gewohnt brillant die Größe Russells, mit der er die Linien, Strukturen und Ornamentik dieser altehrwürdigen Musik lebendig werden ließ. Mit völlig anderem Charakter dann die Cantigas de Santiago (Stephen Goss), eine Sammlung von sieben Stücken mit inhaltlicher Assoziation an das dortige Pilgergeschehen, von David Russell schon wegen seiner Verwurzelung in der Region und der spanischen Kultur mit besonderer Wärme und Überzeugung vorgetragen; dann Nummer 5 aus den 12 spanischen Tänzen von Granados, wie von David erwartet souverän und mit Grandeur dargeboten, gegründet auf einer makellosen Beherrschung des Instruments, die sich insbesondere auch in der zugegebenen Gran Jota von Tárrega zeigte.

Anschließend trat das Los Angeles Guitar Quartett auf, das zu den bekannten Größen in Iserlohn gehört und weltweit das führende Quartett für unser Instrument bilden dürfte, beginnend mit der Impression einer venezolanischen Hochebene („Llanura“ von Alfonso Montes), fortsetzend mit der Welturaufführung „Motus Bulgaricus“ von Ourkouzounov sowie – für mich und viele Andere sehr erfreulich – einer Besinnung auf die Altmeister, unter anderem mit Stücken von Francesco da Milano und Josquin des Prez, die man aus der Vokalinterpretation der King´s Singers bereits kannte.

Montags eröffnete das Eden-Stell-Duo mit glasklar gebotenen Transkriptionen von Couperin-Bearbeitungen (darunter dem traumhaften „Les tendres plaintes“), Es folgte eine Eigenbearbeitung von vier Stücken aus „Cançons y danses“ von Federico Mompou, jenem großen katalanischen Pianisten, dessen ausnahmslos kurze Klavierstücke in ihrer fast spröden, zuweilen minimalistischen, das jeweilige Sujet jedoch mit wenigen Anklängen treffenden Kompositionsweise ich sehr schätze; anschließend die Bearbeitung einer Klaviersuite von Francis Poulenc. Erfrischend und erbauend, wie die Beiden diese völlig verschiedenen Welten in sich jeweils geschlossen und souverän präsentieren konnten!

Anschließend spielte Stephen Robinson mit der fünfsätzigen Cavatina von Alexandre Tansman, der bekannten Tarantella von Castelnuovo-Tedesco und der Trilogy von Frederic Hand auf. Wenn auch die Gleitgeräusche auf der offenbar frisch besaiteten Gitarre etwas aufdringlich waren, überzeugte Stephen Robinson mit großartigem Ton und nicht minder großartiger Interpretation.

Der anschließende Auftritt der Katona Twins hinterließ dann – es muss gesagt werden: erwartungsgemäß – einen zwiespältigen Eindruck. Der mehr laienhafte Teil des Publikum war zweifelsfrei begeistert und überwältigt, Profis und Halbprofis mussten jedoch erhebliche Abstriche machen: Die höchst überflüssige, zudem exorbitante Verstärkung der beiden Gitarren brachte mehr Zerstörung als Betonung. Die Wucht von Woodstock passte dort, aber sie passt hier nicht! Schon die Eröffnung mit „Evocación“, dieser feinsinnigsten aller Kompositionen von Albéniz, geriet allein wegen ihrer unerträglichen Lautstärke zur Pervertierung dieses Stücks. Auch ein mehrfach versuchtes Herunterpegeln der Anlage durch den entsetzt herbeieilenden Thomas Kirchhoff konnte keine zufriedenstellende Akustik bewirken, zumindest nicht für einschlägig kultivierte Ohren. Allenfalls „Asturias“, angereichert durch einige knackige Flamenco-Elemente, konnte man durchgehen lassen. Schade! Gespielt haben die beiden hervorragend, und ohne jegliche Verstärkung wäre das Konzert ein Hochgenuss gewesen, insbesondere auch mit Händels Chaconne G-Dur und der Tango-Suite von Piazzolla.

Der Dienstagabend gehörte zu Beginn René Izquierdo, der zunächst mit seiner Frau ein Duo von Sor bot. Herzlichen Dank, denn Sor hört man bei solchen Anlässen viel zu selten! Sein anschließender Soloauftritt umfasste drei Scarlatti-Sonaten, das Präludium BWV 1006 und dann als Zugabe die von ihm selbst bearbeitete Arabesque von Débussy. René war schon vor 2 Jahren mit dieser außerordentlichen Bearbeitung aufgefallen, nicht minder mit seiner großartigen Technik und Musikalität, insbesondere aber seiner unersättlichen Spielfreude, die bis in die Nächte hindurch in der Bar währte, verbunden mit einer sehr angenehmen persönlichen Art. Ich befinde mich in Konsens vieler Teilnehmer, die René Izquierdo schon jetzt zur Weltspitzengruppe der Gitarristen rechnen.

Der anschließende Auftritt galt Johannes Möller, einer in Iserlohn ebenfalls bestens bekannten, stets sehr selbstbewusst, um nicht zu sagen: selbsfokussierend auftretenden Größe. Er überzeugte mit ausgefeilter Technik, weniger jedoch mit der Auswahl der Stücke. Johannes verlieh insbesondere der chinesischen Musikkultur einen Schwerpunkt, nicht ohne ausdrücklich seinen Sponsor zu benennen, der ihm half, den Weg nach Iserlohn wiederzufinden.

Schon längst auf dem Weltmarkt etabliert und auf keinerlei promotende Mätzchen angewiesen ist Pavel Steidl, der nach Physiologie und Naturell eine ideale Verkörperung des „Braven Soldaten Schwejk“ abgeben könnte. Als Ausnahmemusiker setzte er auch diesmal mit seiner Biedermeier-Gitarre einen grandiosen musikalischen Akzent. Pavel ist in seiner humorvollen, menschenfreundlichen Art, seinen Konzertauftritten und seiner der Musik und nichts sonst nachspürenden Mimik einzigartig auf der Welt! Geradezu unfassbar, wie er aus dem kleinen Romantikinstrument solche Interpretationen der Werke aus Barock, Klassik und Romantik zauberte! Ohne zu ermüden könnte man ihm stundenlang zuhören und zuschauen.

Für den Mittwoch waren zunächst McAllister & Agnew, das in Iserlohn bereits bekannte und geschätzte schottische Duo (Fl./G) angekündigt. Leider konnte die Flötistin aus familiären Gründen nicht erscheinen, sodass Matthew den Part alleine bestreiten musste. Dies jedoch bedeutete keinerlei Enttäuschung der zu Recht hochgesteckten Erwartungen. Matthew verlieh den Stücken aus seinem keltischen Kulturkreis und etwa „Farewell to Stromness“ (P.M. Davies) die Wärme und Intimität, die wir alle mit unserem Instrument eigentlich verbinden. Musik, wie man sie noch häufiger auch in Iserlohn hören möchte!

Andrew Zohn schloss sich an mit soliden Interpretationen von Stücken aus der Feder von Dilermando Reis, M.M. Ponce und dem Zyklus „The Woods So Wild“, der William Byrd zugeschrieben wird, jedoch dem Volksgut seiner Tudorepoche entstammen dürfte. Dann der Auftritt des Grandseigneurs der Crossover-Zunft: Roland Dyens, der in der ihm typischen Art eigene Stücke bzw. Bearbeitungen präsentierte (so die „Nuages“ nach Django Reinhard oder eigenwillige Kombinationen bekannter Stücke - „El último recuerdo“ - ), als Zugabe die unvergleichliche Esoteriknummer schlechthin: Saties Gnossienne Nr. 1. Wie immer ein Erlebnis der besonderen Art!

Am Donnerstag eröffnete das Schweizer Eos Guitar Quartet mit de Fallas Zyklus „El amor brujo“ (traumhaft „el circulo magico“!) und spielte dann Bearbeitungen von Stücken des auch von mir höchstverehrten Federico García Lorca (der bekanntlich nicht nur Schriftsteller, Schauspieler und Zeichner, sondern auch Komponist war), darunter das wunderschöne „Tres morillas se enamoraban en Jaén“, makellos interpretiert! Ebenso makellos und musikalisch ambitioniert war der anschließende Auftritt von Waldemar Gromolak, den wir aus einem unvergesslichen Konzert in Iserlohn im Jahre 2005 bereits kannten. Waldemar eröffnete mit der (aus Zeitgründen leider eingekürzten) Cello-Suite Nr. 1 BWV 1007, diesmal zur Überraschung und Genugtuung aller Puristen in der Originaltonart G-Dur. Großartig, wie er nicht nur die linearen und strukturellen Gehalte, sondern auch die großen Botschaften der Sätze überbrachte. Insbesondere die Sarabande bewirkte bei mir wieder einen jener unbeschreibbaren Momente erfüllten Glücks. Generell finde ich, dass innerhalb der Tanzsuiten Bachs vor allem in den Sarabanden die größte, da abstrakteste und reflektierendste Musik stattfindet. Nicht minder lupenrein interpretierte Waldemar dann den Bolero von Coste und Tansmans Cavatina (Ich hätte aber den ganzen Abend von ihm Bach hören können).

Anschließend ein überraschender Wechsel: Das Duo Fruscella-Debs spielte in der ungewöhnlichen Besetzung Klavier/Gitarre. Wider Erwarten gab es keinerlei Abstriche hinsichtlich der Balance der beiden Instrumente zueinander, obwohl das Klavier aus bühnentechnischen Gründen sogar vorgelagert stehen musste. Die feine Abstimmungskunst zwischen den Beiden, unterstützt durch eine dem Instrument und der Situation geschuldete reichhaltige, sensible Pedalarbeit der Pianistin, hob das natürliche Ungleichgewicht der Instrumente auf. Geradezu überirdisch schön geriet die Zugabe: ein gehobenes Salonstück, das die beiden Instrumente geschickt im Dialog wechseln ließ. Ein unvergessliches Erlebnis!

Der wie nach jedem Abendkonzert stattfindende gesellige Abschluss in der Bar der Anlage Villigst bot an diesem Abend eine Überraschung: Das Unternehmen SAVAREZ, das in diesem Jahr mit der Verteilung von Gratissaiten knauserte, spendierte eine Runde französischen Rot- und Weißweines mit einem italienischen Wurstaufschnitt. Immerhin! (Auch ein Gitarrist muss konzedieren: Wein übertrifft in seiner global-hedonistischen Bedeutung selbst Gitarrensaiten!)

Der Freitag ließ schon in der Konzertankündigung die Herzen aller Kenner höher schlagen: Der Auftritt von Aniello Desiderio, genannt „Il fenomeno“ (unter der Hand auch: „El diabolo“), stand an. Nach der einführenden Sonatina von Turina gab es dann in einer an Höhepunkten schon reichen Woche einen weiteren, für Viele den eigentlichen Höhepunkt: Zum ersten Mal in Iserlohn sollte die schon oft auf Gitarre gehörte Violinchaconne aus der Partita Nr. 2, BWV 1004, von keinem Geringeren als Aniello gespielt werden.

Man erlaube mir an dieser Stelle vorab einige allgemeine Anmerkungen zu diesem außergewöhnlichen Werk, die ich regelmäßig vermisse, daher für angemessen, überfällig und auch im Berichtskontext für passend und erforderlich halte:

Im Entstehungszeitraum des Werks (1720) ist Bach mit der Konzeption und Satzentwürfen für ein Violinsolo-Kompendium befasst. Völlig überraschend trifft ihn, von einer Kurreise mit seinem Köthener Fürsten aus Karlsbad zurückkehrend, die Nachricht vom Tode seiner (ersten) Frau Maria Barbara. Es herrscht Konsens in der Forschung, dass Bach erst unter dem Einfluss dieses schockierenden biographischen Einschnitts seine im Entstehen begriffene 2. Violinpartita um den monumentalen Satz der Chaconne, die ja in Umfang und Bedeutung jeden Satz einer Suite, Sonate oder Partita sprengt, erweitert hat. Mit der Chaconne leistete Bach für sich eine emotionale Trauerbewältigung, zugleich eine strukturbasierte Vertonung unerschütterlicher Zuversicht, für die Nachwelt zudem einen der kostbarsten Schätze der Geistesgeschichte! Diese Wertung rechtfertigend und sehr lohnend ist eine nähere Analyse des Werks, die ich aus Raumgründen hier nur in den Ergebnissen andeuten kann (Dem an Vertiefung und Fundstellen interessierten Leser empfehle ich etwa die Lektüre der ausgezeichneten Werkanalyse von Judith Bernhart.):

Die Gesamtarchitektur der Chaconne ist evident dreiteilig, erkennbar an der Tonartfolge d-D-d mit jeweils kadenzierenden Schlüssen der Teile. Wollte Bach seine in Moll formulierte Trauer – nicht Klage(!) – als eigentlich peripheres Moment um eine zentrale, in strahlendem D-Dur errichtete Säule verteilen, die ihm sein Glaube bedeutete? Ein näherer analytischer Blick zeigt die Aufteilung der Taktsummen, die klar theologisch bedeutsamen Zahlenwerten entsprechen und die zugleich mehrfach den Goldenen Schnitt (a:b=(a+b):a) erkennen lassen. In Bachs Weltbild war der Kosmos eben homogen göttlich und wohlgeordnet, d.h. insbesondere mathematisch strukturiert. Die atemberaubende kompositorische Ordnung zeigt sich auch in den Einzelteilen der Chaconne. Inhaltlich aufschlussreich ist ferner ein Blick auf die semantische Ebene des Werks. „Semantik“ bedeutet hierbei die Verschlüsselung der Noten nach einem numerischen Prinzip (a=1, b= 2 u.s.w.), das eine direkte Zuordnung zwischen Musik und Sprache erlaubt. Aus den Tönen der beiden Eingangstakte etwa ergibt sich demnach die Summe 95, die wiederum exakt dem numerischen Wert des Namens „Maria Barbara Bach“ entspricht. Bach hat auch seinen eigenen Namen in die Chaconne codiert (T. 125/126), ebenso die Namen der damals noch lebenden 4 Kinder aus der ersten Ehe und an anderer Stelle die Namen der 3 bereits vorverstorbenen Kinder: Die Familie ist komplett zitiert und wird in die Bewältigung der Trauer einbezogen.

Um diese wenigen Hinweise wertend zusammenzufassen: Die Chaconne repräsentiert eine Trauerbewältigung durch Ordnung, familiären und theologischen Kontext und symbolorientierte Symmetrie. Sie ist „ein klingendes Epitaph für Maria Barbara Bach“ ((J. Reinhart), zugleich eine durchstrukturierte geistige Leistung zur Transzendierung der biographischen Zäsur in eine ewige, tröstende Ordnung. Ungeachtet ihres Entstehungsanlasses bleibt sie eine zeitlose, auch in unserer Epoche der Entankerung, Zerrissenheit und der Apotheose des Oberflächlichen notwendige Botschaft!

Zurück zu Aniello Desiderio, dem diese Analysen kein Geheimnis sein dürften und der dem Anspruch des Werks und speziell dem an ihn adressierten Anspruch gerecht zu werden hatte. Diesem Anspruch hat er genügt, soweit ein Mensch ihm überhaupt genügen kann: Noch nie seit der Transkription Segovias und den vielfältigen Bemühungen aller namhaften Gitarristen - die großen Interpretationen von David Russell, Laura Young, Kuang YunHong und Anderen sollen nicht vergessen sein - habe ich die Chaconne in einer solchen Interpretation, so kraftvoll, bezwingend und thematisch eindringlich gehört! Schon die wuchtige thematische Einleitung stand wie ein Fels in der Brandung; die dann folgende Steigerung entwickelte sich von einer fast unhörbaren filigranen Engelsmusik bis hin zu einem atemberaubenden 32tel-Geläuf, bei dem man die infernalische Urgewalt, den Ausbruch der Trauer, spürte. (Ein Phänomen, dass eine Gitarre eine solche Bearbeitung überhaupt überlebt). Wer glaubte, der anschließende Arpeggio-Teil werde sich mit ebensolcher Wucht fortsetzen, wurde getäuscht, aber nicht enttäuscht. Aniello gestaltete diese wunderbare harmonische Evolution in zartesten Facetten. Bei keiner anderen Aufführungen zuvor hatte diese Passage auf mich so überzeugend, so feierlich gewirkt. Auch die nachfolgenden Teile waren jeweils deutlich gegeneinander abgegrenzt, sowohl in den unüblich langen, aber – wie ich inzwischen erkenne – notwendigen Pausen zwischen den Teilen als auch in der Werkauffassung und der Interpretationsweise. Jedem Teilnehmer steht es frei, mein Urteil zu teilen oder nicht. Ich jedenfalls behaupte, dass man dieses Monumentalwerk der Musikgeschichte so differenziert, so ausgeklügelt, so subtil und kraftvoll auf einer Gitarre noch nie gehört hat!

Aniello fügte der Chaconne unvermittelt den 4. Satz des Escarraman von Tedesco an, vermutlich als eine persönliche Nachbetrachtung zu dem Werk, vielleicht aber auch lediglich in der Absicht, sich nach dieser mentalen Verausgabung selbst wieder zu erden. Als Zugabe bot er die in der Woche bereits gehörte Gnossienne Nr. 1 von Satie in der enthobenen Schwerelosigkeit eines feinen Gespinsts, das die Botschaft des Stückes in jedem Kopf und Herzen der Zuhörer ankommen ließ. Man möchte Aniello kaum glauben, wenn er bekundet, nur deswegen Gitarrist geworden zu sein, weil er befürchtete, auf der Violine nicht so gut werden zu können wie sein Bruder...

Der anschließende Auftritt des Albaners Admir Doci war schon wegen des präsentierten Instruments eine Besonderheit. Sieben zusätzliche Bass-Saiten, gestimmt in einer passenden fortlaufenden Tonleiter, bildeten im wörtlichen Sinne ein breites Feld, das der Künstler zu bearbeiten hatte. Der Sinn dieser ungewöhnlich großen „vertikalen Ausweitung“ erschloss sich jedoch ganz klar, etwa bei der c-Moll- Suite von de Visée, die gerade durch die Freiheit der unbeengten Linienführung nach unten ein außerordentliches akustisches wie musikalisches Fundament erfuhr. Dieser Umstand machte die nicht ganz perfekte Balance innerhalb der bauartbedingten instrumentalen Volumenverteilung zumindest teilweise wett.

Ein auch von mir persönlich erwarteter weiterer Glanzpunkt geschah dann mit dem Auftritt des Duos Bandini & Chiacchiraretta (G/Bandoneon). Nicht nur die mehrfach erlebte Bühnenpräsenz, die unglaubliche Virtuosität und musikalische Sensibilität dieses Duos, sondern auch die Titelauswahl standen in meinem besonderen Interesse, weil ich in einem Duo mit einem Flötisten annährend das gleiche Repertoire spiele. Die Auswahl der Beiden galt der Musik Südamerikas mit dem Schwerpunkt des unvergleichlichen Astor Piazzolla. Hier standen die ganz außergewöhnlichen Schöpfungen wie Bandoneon, Ave Maria, Invierno Porteño oder Oblivión auf dem Programm, zusätzliche Kompositionen von Villoldo und Diego Pujol - „Tango Nuevo“, andere Musik als die europäische, jedoch ein würdiges Pendant zu ihr. Piazzolla zähle ich – gerade als Bach-Verehrer - zu den ganz Großen der Zunft. Ebenso zu den ganz Großen der Zunft gehört dieses Duo!

Der Samstag galt dem Abschlusskonzert der Seminaristen: Freiwillige „Schlachtopfer“ hatten sich während der Woche erboten, bei dieser Gelegenheit aufzutreten. Erwartungsgemäß waren auch hier außergewöhnliche Interpretationen zu vernehmen. Weniger überzeugte die Tatsache, dass die auf dem Festival immer präsenter werdenden Chinesen inzwischen auch Kinder unter 10 Jahren mit einer Literatur auf die Bühne entsenden, der sie altersbedingt nicht gewachsen sein können. Kein 8-jähriger vermag etwa in der 8. Villa-Lóbos-Etude die düstere Eingangsszene, die dann durch ein geradezu stechendes Licht abgelöst wird, inhaltlich, mental und emotional, geschweige denn interpretatorisch auf dem Instrument nachzuvollziehen. Nach dem Seminaristenauftritt dirigierte - wie immer zum Abschluss der Festivalwoche - Gerald Garcia das aus freiwilligen Teilnehmern gebildete Gitarrenensemble mit einer Eigenkomposition (diesmal: „Festina lente“). Gerald Garcia gehört seit Anbeginn durchgehend zu den festen Einrichtungen des Festivals. In seiner flapsigen, jungenhaft-humorvollen Art ist er das Maskottchen, in seiner Verlässlichkeit und tiefen Musikalität zugleich eine der seriösesten Stützen der Veranstaltungsreihe.

Besonderer Erwähnung bedarf der ALTAMIRA-Wettbewerb, der in diesem Jahr erstmals während der Festivalwoche stattfand: Ausgelobt waren außerordentlich lukrative Preise. Der 1. Preis umfasste 4.000 € in bar, eine ALTAMIRA-Gitarre in Wert von 5.000 €, eine Gitarre von Petr Laska in Wert von 4.000 €, einen fünftägigen Hotelaufenthalt in New-York mit Auftritt in der Carnegiehall, ein Konzert in Shanghai oder Hongkong, einen 3-Jahres Vertrag mit D` Addario und diverses Begleitmanagement, eine exklusive MeisterSinger-Armbanduhr zu 1.400,- € und einen AER-Gitarrenverstärker im Wert von 3.200 €!!! Für solche Preise wird selbstverständlich eine ganz besondere künstlerische Leistung verlangt. Auch hier gab es keine Enttäuschung: Die insgesamt vier Filterstufen des Verfahrens ließen 6 Teilnehmer in die Endausscheidung gelangen. 1. Preisträger wurde – nach allgemeiner Einschätzung hochverdient – der Römer Andrea de Vitis. Herzlichen Glückwünsch!

Neben diesen außerordentlichen Facheindrücken zu unserem Instrument und zur Musik auf diesem Instrument darf man auch die sonstigen positiven Komponenten des Festivals nicht vergessen: Das private Umfeld mit alten Bekannten und dem etablierten Dozentenstab, die Gespräche über Musik, die Gitarre und das Leben, die ergänzenden Nachmittagskonzerte, die allabendlichen Umtrunke, nicht zuletzt das Skatspiel, Tischtenniseinlagen mit Thomas Kirchhoff und vieles Andere rundeten eine schon runde Sache noch mehr ab.

Was nahm man mit von diesem Festival? Neben einer messbaren Körpergewichtszunahme auf jeden Fall unvergessliche, bereichernde Erinnerungen, mit denen man die „Festivalvakanz“ des anschließenden Jahres unschwer füllen kann.

Nochmals größtes Lob an Thomas Kirchhoff, seine Mitstreiter vor und hinter der Bühne und die vielen Sponsoren für dieses großartige organisatorische Gesamtwerk! Möge die Reihe, die dem Vernehmen nach weltweit Ihresgleichen sucht, noch für viele weitere Jahre fortgesetzt werden! Ad multos annos!

Für das kommende Jahr hat Thomas Kirchhoff bereits die folgenden Größen von internationalem Rang verpflichten können: Jorge Caballero, Alvaro Pierri, die Brüder Assad, Ŀukasz Kuropaczewski, Pepe Romero, Marco Tamayo & Anabel Montesinos.

Anmeldungen zum nächstjährigen Festival werden etwa ab Mitte November d.J. möglich sein.

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