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Symposion 2001 - Absolute Spitze der Gitarrenwelt

Von Dr. Friedemann Kiefer

Auch dieses Jahr würde schon die bloße Aufzählung der am 10. internationalen Gitarren-Symposion in Iserlohn beteiligten Künstler, Dozenten und Aussteller genügen, um klarzumachen, daß diese Veranstaltung zur absoluten Spitze der Gitarrenwelt gehört. Immer wieder gelingt Thomas Kirchhoff, was jeden Konzertveranstalter mit Neid erblassen lassen muß, er ruft und die Größen der Gitarrenwelt stellen sich ein, im diesem Jahr unter anderem Alvaro Pierri, Eliot Fisk und Paul O'Dette. Das Iserlohner Festival ist mit 195 Studenten, Dozenten und Ausstellern aus 38 Ländern zu einem der größten, wenn nicht dem größten, Gitarrenfestival in Europa geworden. Ob die Iserlohner überhaupt ahnen, dass Iserlohn jedes Jahr im Sommer zur Gitarrenhauptstadt Deutschlands wird?

Aber man würde es sich deutlich zu einfach machen nur die an sich schon beeindruckenden Zahlen wiederzugeben und dem Iserlohner Festival allein den Stempel der Superlative aufzudrücken. Vielleicht ist es gerade das Gegenteil das Iserlohn so besonders, so erfolgreich macht. Trotz des massiven Angebots, trotz der 10 Spitzenkonzerte bleibt die Veranstaltung überschaubar, behält das Symposium einen verbindlichen, manchmal sogar intimen Charakter gepaart mit einer ausgelassenen Stimmung die sicher ihres Gleichen sucht. Neben der sehr guten Organisation ist dies ohne Zweifel dem Veranstaltungsort zu verdanken.

Die evangelische Akademie Iserlohn mit ihren komfortablen Gästehäusern, hervorragender (!) Verpflegung und einem direkt angrenzenden weitläufigen Park bietet ein ideales Umfeld für die Interaktion zwischen Künstlern, Dozenten und Studenten. Obgleich direkt an der Bundesautobahn A46 gelegen strahlt der Park der Akademie eine tiefe Ruhe aus, läßt Geschwindigkeit und Hektik im Hintergrund nur ahnen, gleicht vielleicht gerade damit der Situation der "klassischen" Gitarre in der modernen Medien- und Musiklandschaft.

Die Akademie fördert die Interaktion der Teilnehmer, An- und Abfahrtswege entfallen, und der Haupttagungsort Haus Ortlohn, aus einer weitläufigen Gründerzeitvilla gewachsen, bietet durch seine fraktale Struktur eine Vielzahl an Räumlichkeiten und Nischen, die Begegnung und Rückzug gleichermaßen dienen. Dort mischen sich die "Guitar-Heros" unters Volk, Superstars zum Anfassen bei gemeinsamen Mahlzeiten oder in Pausen.

Wie jedes Jahr fand die überwiegende Mehrzahl der Konzerte in der Obersten Stadtkirche in Iserlohn statt. Das komplett ausverkaufte Eröffnungskonzert präsentierte Eliot Fisk, der mit geradezu außerirdischer Präzision Klassiker wie die Sonate op.14 (Gran Solo) von Sor, Sonaten von Scarlatti oder die Partita II in H-Moll, BWV 1001 zu einer gitarristischen Vision des Hollywood-Klassikers Speed werden lies; Geschwindigkeit ist bei Fisk noch immer Trumpf.

Den zweiten Konzertabend eröffnete das in Belgien lebende Duo Denis SungHo und Boris Gaquere. SungHo und Gaquere, die inzwischen mehr als ein Geheimtip unter Kennern der Szene sind, liegt besonders eine ständige Erweiterung des Konzertrepertoires am Herzen. So präsentierten sie nicht nur Denis SungHos Transkriptionen von Piazzollas "Le Grand Tango" und Prokofievs "Toccata" sondern auch die Uraufführung des bildreichen, atmosphärisch dichten "In Cauda Venenum" von Boris Gaquere.

Die zweite Hälfte des Abends übernahm das Amsterdam Guitar Trio, das die vielleicht ausgefallenste Transkription des Symposiums aufführte, die "Musiques de Tables" von Thierry de Mey. Ein Lexikon der menschlichen Konversation bei Tisch, einschließlich aller gängigen Platitüden und Verlegenheiten, stilsicher verbalisiert durch geklopfte und geklatschte Figuren auf den Böden dreier klassischer Gitarren.

Insgesamt stellten 22 Gitarrenbauer ihre Instrumente in Iserlohn vor, darunter viele internationale renommierte Spitzenprodukte aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und Japan. Damit ergab sich für die Besucher die einzigartige Möglichkeit eine Vielzahl qualitativ hochwertigster Instrumente anzuspielen, oder einfach nur Dale Kavanagh, Eliot Fisk oder Marco Socias beim Ausprobieren zuzuhören.

Der spanische Gitarrist Marco Socias, der sich den dritten Konzertabend mit Paul O'Dette teilte, bot mit Werken von Rodrigo spanische Gitarre von Feinsten. Technisch souverän nahm er das Publikum mit einzigartiger Musikalität auf eine gefühlvolle Reise durch sein Heimatland um sein Konzert mit Werken von Domeniconi zu beschließen.

Kein zweiter erweckt die historischen Instrumente Laute und Viuhela so zu neuem Leben wie der Ausnahme-Künstler Paul O'Dette. Und vielleicht keinem zweiten ist es dieses Jahr gelungen so die Herzen des Publikums zu erobern wie Großmeister O'Dette, der in höfischer Tradition, die Laute schlagend, durch eine Seitentür einzog. Mit diesem augenzwinkernden Hinweis auf zeitgenössische Spielpraxis und Selbstverständnis des Lautenisten begann O'Dette eine einzigartige Aufführung von Werken de Murcias, da Milamos und Dowlands.

Der sympathische schwedische Gitarrist Carsten Groendahl, bot einen besonderen Leckerbissen für die Liebhaber barocker Musik. Auf der 11-saitigen Alt-Gitarre von Georg Bolin spielte er eine Transkription der Suite Nr.11 von Dietrich Buxtehude, sowie die Arie "Lascia ch`io pianga" von Georg Fr. Händel. Mit dem einzigen Nachmittagskonzert der diesjährigen Serie war Groendahl ein absoluter Höhepunkt.

Auch dieses Jahr trug die Internationalität der Studenten, mit 12 Teilnehmern aus USA und Kanada, 5 aus Israel, 8 aus Korea, 5 aus Japan, 3 aus Argentinien, 4 aus Mexiko, Teilnehmern aus Rußland, Iran und Ägypten und natürlich einem breiten Spektrum von Studenten aus ganz Europa von Schweden bis Griechenland entscheidend zum kultur-übergreifenden Flair des Symposiums bei. Jeder aktive Teilnehmer kam in den Genuß von 4 Meisterklassen, und konnte natürlich als Zuhörer bei beliebig vielen Unterrichtsstunden partizipieren. Neben dem wichtigen Aspekt der musikalischen Weiterbildung erfüllen die Meisterklassen für alle Teilnehmer die entscheidende Funktion den eigenen Leistungstand im Vergleich zu anderen Teilnehmern und den Dozenten einordnen zu können. Neben manchmal schmerzhaften Korrekturen in der Selbsteinschätzung, bietet sich so jedoch oft auch die Möglichkeit eigene Fortschritte von Symposium zu Symposium zu erfahren.

Die Liste der Dozenten umfaßte neben den Vortragenden der Einzelkonzerte eine große Zahl renommierter, international bekannter Künstler: Gerald Garcia, Stephen Gordon, Ulrich Stracke, Frank Gerstmeier, Dr. Steven Thachuk, Thomas Kirchhoff und Dale Kavanagh (Amadeus Duo), Tom Johnson, Helen Sanderson, Stephen Stubbs, Mark Eden und Christopher Stell (Eden-Stell Guitar Duo) und den großen Lehrer der Gitarre in Kanada Prof. Eli Kassner. Eli Kassner, ein 1924 in Wien geborener Überlebender des Holocausts, studierte mit Segovia in Spanien und gründete dann seine eigene Akademie in Toronto zu deren Schülern Liona Boyd, Norbert Kraft, Dale Kavanagh und Laura Young zählen.

Prof. Chen Zhi, der bedeutendste Vertreter der klassischen Gitarre in China, konnte in diesem Jahr seine Lehrmethode in einem Vortrag persönlich vorstellen. Prof. Zhi berichtete von der politischen Repression während der Jahre der Kulturrevolution, welche auch Musiker betraf und wie er sich - als Nicht-Gitarrist - seine didaktischen Fähigkeiten als Gitarrenlehrer aneignete. Entscheidend ist dabei für Zhi die Auswahl sehr junger begabter Schüler, sowie eine sehr starke Betonung der Tonbildung.

Die beiden chinesischen Ausnahme-Talente Wang Yameng und Chen Shanshan zeigten am vierten Konzertabend Perfektion und höchste Artistik in einem breiten Stilrichtungen von Bach und Brauer bis Domeniconi überspannenden Programm. Im Publikum war dies das am energischsten diskutierte Konzert. Während von allen der perfekte Vortrag anerkannt wurde, wurde vielfach der künstlerische Ausdruck kontrovers diskutiert was durch die Bemerkung eines international bekannten Gitarrenbauers aus dem Sauerland auf den Punkt gebracht wurde "um einen Tango überzeugend aufführen zu können, muß man eben von den großen Sauereien des Lebens gekostet haben".

Der letzte Konzertabend im Reigen der großen Gitarristen präsentierte Alvaro Pierri, mit einem begeisternden Querschnitt durch die moderne Gitarre. Pierri trug Werke von Ponce, Hétu, Gismonti, Ginastera und Barrios mit großer Sensibilität und künstlerischer Sicherheit vor. Erneut vor ausverkauftem Haus wurden die Zuhörer Zeuge eines großen Abends, den nur wenige Gitarristen der Szene so zu gestalten vermögen wie Pierri.

Natürlich wird in Iserlohn auch alles um die Gitarre präsentiert. Die Fachhandlungen Trekel, Viertmann, Chanterelle und Nogatz boten nicht nur ein Sortiment, welches auch die ausgefallensten Noten und CD-Wünsche erfüllen konnte, sondern auch eine Vielzahl kleiner Helfer für den Gitarristen, von der Instrumentenstütze über Feinstpolierpapier bis zum Nagelreparatur-Kit.

Mit besonderer Spannung wird stets das Abschlußkonzert am Samstag Abend erwartet. Es bietet nicht nur eine Übersicht über die Lehrtätigkeit der vorangegangenen Tage sondern auch über das Niveau des nach Iserlohn gekommenen Nachwuchses. 19 erstklassige Darbietungen machten klar, daß dem Instrument Gitarre eine atemberaubende Zukunft bevorsteht. Natürlich können hier nur wenige Nachwuchskünstler stellvertretend genannt werden, wie Elke Krahm und Mischa Kreiskott, die das Publikum mit zwei Transkriptionen aus den "Pieces de Clavicin" von Jean Ph. Rameau wahrhaft verzauberten. Auch erwähnenswert die russische Gitarristin Ekatharina Zeitseva und das noch sehr junge Coesfelder Gitarren Trio, die durch ihre selbstsicheren und künstlerlisch reifen Vorträge begeisterten. Teil des Abschlußkonzertes war die Aufführung des 3. und 4. Satzes der "Simple Symphony" von Benjamin Britten unter der Leitung von Stephen Gordon und das "Concerto for guitar and guitar orchestra" von Gerald Garcia unter der Leitung von Gerald Garcia mit Frank Gerstmeier als Solisten. Das Concerto überzeugte durch ungeheure Melodik und Klangvielfalt. Verständlich also die überall gestellte Frage nach seiner Veröffentlichung und Verfügbarkeit auf CD?

Und übrigens, die Iserlohner wissen natürlich sehr wohl um ihr einzigartiges Gitarrenfestival. Für das nächste Jahr hat Thomas Kirchhoff nochmal eins draufgesetzt und mit der Verpflichtung von Leo Brouwer, David Russell, Costas Cotsiolis, Thomas Müller-Pering, Eduardo Isaac, dem Nexus Guitar Quartett, Dale Kavanagh, Wulfin Lieske und weiteren 20 internationalen Gitarristen aus Mexiko, Italien, England, Kanada und Deutschland einen weiteren Höhepunkt des Iserlohner Festivals angesteuert.


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